Papier ist geduldig, aber nur bedingt saugfähig

Tag des ersten Starts. Alles hier ist anders. Über Nacht hat sich das Areal gut mit zeltenden Orientierern gefüllt. Überall muss man anstehen, z.B. beim Frühstück. Wir kaufen 6 Hörnchen für den Schwindel erregenden Preis von 18 Kc und belegen uns selbige mit reichlich Klobasa aus dem Kaufland. Mehr geht erstmal nicht rein. Instantkaffee und einige Zigaretten, schon klappt das Geschäft auf dem Dixi (hier: Toi Toi). Beim Check-inn am Start werde ich zuerst auf CZ, dann auf E darauf hingewiesen, den SI-Chip am bike, statt am Trikot-Zip zu befestigen. Leckofatz, fucking rules. Mürrisch erledige ich das. Unsere Namen erschallen durch die Lautsprecher, ein erhabenes Gefühl. Auf geht’s über die durchweichte Wiese und rein in den Schlamm. Es folgen teils knietiefe Flussdurchfahrten, nach Sekunden hüllen wir uns in Nässe und Schlamm. Von oben rieselt kontinuierlich Wasser herab. Uns steht ein harter Tag bevor. Mehr oder weniger schnell finden wir die ersten Posten, unbezwingbar von Morast umgeben wir Dornröschen von Rosen. Wenigstens werden wir von geilen Singletrails belohnt. Der dritte Posten ist gespickt mit etlichen Schiebe- und Tragepassagen, auf bierflaschenbreiten Trampelpfaden geht es durch dschungelhaften Wald, an Abhängen entlang und immer wieder geht es nur absteigend, schiebend, die Räder über den Weg versperrende, liegende Bäume hebend, und ausrutschend voran. Ich schlage mir das Schienbein am Pedal auf. Schnell verschwindet die klaffende Wunde unter einer Fangopackung. Ganz weit unten auf der Karte warten noch ein 80er und ein 50er Posten auf uns. Den ersten finden wir nach kurzer, Kraft kostender Desorientierung, der zweite ist auch leicht auffindbar, nur leider müssen wir dafür etwa zwei Kilometer lang einen Schlammpfad a la Col de la Madeleine hinaufschieben. Zeit, langsam (eher schnell) das Ziel anzusteuern. Strasse natürlich, wir sind ordentlich ausgepowert. Wir erreichen das Ziel mit 31 Sekunden Verspätung, hinter uns liegen 87 Kilometer Schwerstarbeit. Im Ziel angekommen rauchen wir und denken darüber nach, warum wir uns so was auch immer antun. Insgeheim freuen wir uns aber schon auf morgen, die zweite Etappe. An der Fahrradwaschgelegenheit entwickelt sich langsam eine Riesenschlange. Wir reihen uns schnell ein und nach circa einer Stunde Warterei (eine schöne Gelegenheit, verschiedenste Bike-Reinigungstechniken zu studieren) sind unsere Maschinen von gröbstem Unrat befreit. Beim Duschen ein ähnliches Problem. Warmduschen ist Luxus bei solcherlei Veranstaltungen und so zwängen wir uns mit in die drei Duschkabinen auf dem Gaststättenklo, die hoffnungslos überlastet und saudreckig sind. Eine Minute warmes Vergnügen, Balsam für einen strapaziösen Tag. Endlich rein in trockene, warme Klamotten nach circa acht Stunden Dauernässe. In der Gaststätte herrscht Hochbetrieb. Nach einer Viertelstunde gelingt es mir, Kippen zu kaufen, nachweiteren 15 Minuten warme Cappuccino für uns. Spaghetti Bolognese sind aus, erfahren wir und wählen eine andere Sorte Pasta.

Schumo ist enttäuscht von seiner zugewiesenen Teampartnerin. Sie bremse bergab, mehr wolle er zum Rennverlauf nicht sagen. Wir warten immer noch auf unser Essen. Unsere tschechischen Tischnachbarn verzehren freudig ihr später bestelltes, aber kurz darauf geliefertes Gericht. Sie sagen immer mal wieder irgendwas zu uns scheinen Mitleid zu bekunden oder auch nicht. Jedenfalls verlassenen wir dieses Etablissement unverrichteter Dinge nach über einer Stunde. Die FAZ erfüllt auch einen sinnvollen Zweck, wenn man sie in aufgeweichte MTB-Schuhe stopft. Mike verteilt Ulle und Armstrong jeweils rechts und links in seine Schuhe, ich gab Schumo den Börsenteil. Was bei mir drinsteckt, weiß ich nicht, wahrscheinlich das Feuilleton. Die Anwendung der Bequemlichkeitsregel bezüglich Pissen auf dem Zeltplatz stößt bei unseren Nachbarn auf Unbehagen und wir von dortiger Hausherrin mit den Worten: „The toilet is over there!“ kommentiert. Uns fällt sofort der Dude ein (he pied on my rug) und sagen: „We pie where ever we stand.“ Wir gehen zur Pastaparty, nur leider ist keine Pasta mehr da. Nur noch leere Plastikschälchen. Schumo stellt sich am Bierstand und wir uns am Grillstand an. Nach etwa einer halben Stunde halten M. und ich jeweils ein Steak und eine Klobasa in den Händen, Schumo noch nichts. Wir essen erstmal trocken, denn bis Schumo die sechs Durstlöscher hat, wäre das Essen mehr als kalt. Auf der Videoleinwand werden die Fahrtrouten der GPS- ausstaffierten Fahrer vorgestellt, danach gibt’s eine Fotoshow vom Wettkampftag. Schöne Impressionen. Wir waten durch Niesel und Matsch zurück zum Zelt und hauen uns aufs Ohr, zumindest versuchen wir es. Ich kann nicht einschlafen. Die Luftmatratze ist viel zu hart aufgepumpt, ich habe aber keine Lust zum Luftablassen. Der Regen trommelt aufs Zelt, die Musik dröhnt bis zwei Uhr, Bierstoffwechselprodukte wollen auch noch hinters Zelt getragen werden. Irgendwann schlafe ich ein.

Schreibe einen Kommentar